27/02/2016

Nachruhm, von Manfred Kyber

Der Schrifsteller Manfred Kyber (1880-1933) erzählt:
Ein hoch angesehener Wissenschaftler, ein Medizinalrat der Universität, der sein Leben der medizinischen Forschung gewidmet hatte, eine Exzellenz, ist verstorben. Seine katholische Beerdigung ist ein monumentales Ereignis: Alles, was Rang und Namen hat, Prominente aus Staat, Kirche und Universität, sind versammelt, um dem “großen Geist” die letzte Ehre zu erweisen. Und der Kirchenchor singt: “Wie wird’s sein, wie wird’s sein, wenn wir ziehn in Salem ein, in die Stadt der goldnen Gassen?”, ins Paradies. Die Grabreden sind ergreifend und fast überdimensional, die Nachrufe voller Lob und Ehre für das große Vorbild, für eine “Säule” der Menschheit. Für immer werde sein Ruhm und Nachruhm auf der Erde weiterwirken. Denn es gilt: “Ihre Werken folgen ihnen nach.”

Der Tote stand die ganze Zeit als Seele daneben. Doch wie geht es nun für ihn weiter? Öffnet sich jetzt wirklich das Paradies? Der Forscher hat Angst. Ein ernster und trauriger Engel tritt ihm bald entgegen und führt ihn in sein “Paradies”. Er geleitet ihn zu unzählig wimmernden Tiere, die am Boden kauern; Hunde, Katzen, Affen, gequält und verstümmelt. Es stimmt also: “Ihre Werke folgen ihnen nach”. In schrecklichen Tierversuchen hatte der Mediziner die Geschöpfe Gottes grausam zugerichtet.

Doch was ist mit der Forschung, dem Fortschritt der Wissenschaft? Der Engel zeigt ihm einen Narr, der an einem Kartenhaus baut, das immer wieder in sich zusammen fällt. Das ist es, sonst nichts. Der hoch gerühmte Wissenschaftler erfährt, was ihn wirklich antrieb, seine Taten zu vollbringen, was er damit zu verbergen versuchte und wer er tatsächlich war und ist, ohne Maske. Und leise klingt von ferne noch der Kichenchor: “Wie wird´s sein, wie wird´s sein, wenn wir ziehn in Salem ein?” … Hören Sie hier die Lesung der ganzen Geschichte von Manfred Kyber.

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